Der Blog für die zweite Lebenshälfte

Der Blog für die zweite Lebenshälfte

Ideen zur Jahreslosung 2019: „Suche Frieden und jage ihm nach.“

Veröffentlicht in: Allgemein, Andacht/ Spiritualität, Ideen für Gruppen

Ich (Annegret Zander) habe mir zur Jahreslosung einige Gedanken gemacht und immerzu kamen mir dabei alte Frauen in den Sinn! Sie finden hier also
– Meine Predigt zur Jahreslosung 2019
– Die ganz unbescheidene Idee: Gründen Sie Gebets-Telefon- Ketten mit Ihren Senior*innen
– Lesestoff, der richtig schwierig ist, aber inspirierend
Denn: Auch wenn wir älter werden, können wir auf die eine oder andere Weise immer noch dem Frieden nachjagen! 

Predigt zur Jahreslosung 2019
Suche Frieden und jage ihm nach. Psalm 34, 15
Als Yoko Ono, die japanisch-amerikanische Künstlerin, damals 80 Jahre alt, erfuhr, dass laut neuen Forschungen ein kleiner Stein, der in den Ozean fällt, mehr als nur ein paar kleine Kreise hinterlässt, war sie begeistert und inspiriert. In der Tat bewegt das Hineinwerfen eines kleinen Steins den ganzen Ozean! Mit diesem Bild vor Augen rief sie alle Menschen dazu auf, Kleine-Steine-Leute zu werden. Pebble People. Also Menschen wie Sie und ich, die in ihrer kleinen Welt etwas Kleines verändern und damit eine große Bewegung auslösen. Still solle die Bewegung sein, so Yoko Ono, man solle keine großen Steine werfen, das würde nur die Aufmerksamkeit der falschen Leute auf sich ziehen und möglicherweise Rückstöße zur Folge haben. Nein: kleine, stille Veränderungen würden eine große Wirkung nach sich ziehen.

Diese Vorstellung ist mir sehr sympathisch und hilft mir, die Jahreslosung in ein machbares Bild zu übersetzen. „Suche Frieden und jage ihm nach.“ schien mir sehr groß. Es tönt ein persönlicher Aufruf, meine volle Aufmerksamkeit und Einsatz sind geboten: Suche den Frieden! Das ist kein lustiges Versteckspiel, das ist ein hartnäckiges Verlangen und Fordern nach Frieden, das hier von Ihnen und mir verlangt wird. Mehr noch: ein Jagen. Ich soll hinter dem Frieden her sein, ihn so eifrig verfolgen wie ich nur kann.

Auch wenn ich einsehe, dass der Frieden nichts weniger als den vollen Einsatz verdient – ganz ehrlich: dieser Aufruf überfordert mich. Ich sehe gleich die ganz großen Bilder vor mir: den Hunger in der Welt, die Kriege, die wahnsinnige Gewalt, die Menschen einander antun, die horrende Gewalt, die Männer Frauen und Kindern als eine Form der Kriegsführung antun, die Vermüllung der Meere, das Abschmelzen der Polkappen und so weiter und so fort. Das müsste sich alles ändern. Je eher, desto besser. Und ich, ich fühle mich machtlos.

Kleiner Exkurs zum Beten
Ich lade Sie daher zu einem kleinen Exkurs ein, den ich aus Psalm 34 heraus antrete. Dort steht nämlich auch: „Da ich den Herrn suchte, antwortete er mir und errettete mich aus aller meiner Furcht.“ Es geht ums Beten. Als meine Schwester ihr erstes Kind gebar, war ich weit weg in der Schweiz. Dieses Kind war lange ersehnt worden. Nun war es endlich auf dem Weg, in unsere Welt zu kommen. Und ich war nicht da, um meiner Schwester beizustehen, so wie sie damals, als mein Kind unterwegs gewesen war. Aber sie hatte mir morgens Bescheid gegeben: „Es geht los! Wir gehen ins Krankenhaus.“ Da saß ich nun fernab bei meiner Freundin in der Schweiz und dachte an meine Schwester. Ich freute mich, ich bangte. Stunde um Stunde verging. Der Abend brach an und neigte sich. Nichts Neues. Kein Ton, keine SMS. Nichts. Damals gab es noch keine WhatsApp Gruppen und mein Schwager hatte sowieso etwas anderes zu tun, als die Verwandtschaft zu informieren, wie es mit der Geburt voranginge. Ich machte mir Sorgen. Große Sorgen. Größere Sorgen. Ganz große Sorgen. Bis meine Freundin sagte: Weißt du, mit deinen Sorgen ist deiner Schwester auch nicht geholfen. Das ist echt keine Unterstützung. Wie wäre es, wenn du ihr stattdessen hilfreichere Gedanken schicken würdest? Erwischt.

Diesen Rat habe ich nie vergessen. So habe ich eine Form des Betens gelernt: Umhülle die Menschen, an die du denkst, statt mit deinen Sorgen mit guten Gedanken, mit Bildern der Liebe, überhaupt mit Bildern, die ihnen helfen könnten von Sonne, Wärme oder kühlendem Wasser, von Händen im Rücken oder einer Hand, die die andere hält. Mit Farben, die ihnen guttun könnten, mit Liedern. Was auch immer dir einfällt: murmele, denke, male, tanze, summe für diesen Menschen oder dieses Wesen oder meinetwegen für einen ganzen Kontinent.

Als eine Freundin sich um eine Herzensfreundin sorgte, die sehr schwer an Krebs erkrankt war, schrieb sie uns anderen Freundinnen: Es geht Maren sehr schlecht: Schickt Hoffnung! Ich war über diese Bitte erst verwundert. Es gab keinen Zweifel. Maren würde sterben. Doch dann erinnerte ich mich an den alten Rat. Und verstand, was eigentlich los war: Meine Freundin war in Sorge erstarrt, verloren, hilflos. Sie konnte nichts machen, nicht neben ihrer Freundin sitzen, nicht ihre Hand halten oder ihr ein Lied singen, denn sie war weit weg.

Nun ist ja die phantastische Sache mit Gott und dem Beten, dass Raum und Zeit überhaupt keine Rolle spielen. Ob die Schöpfung in 7 Tagen oder über Millionen von Jahren entstand – das ist für Gott und den Glauben völlig irrelevant. Und für die Wirkung von Gebeten ebenso. Ich umhüllte also die sterbende Maren und meine Freundin mit einem Gebet, schrieb meiner Freundin davon und erinnerte sie, dass Tanzen ihre Form des Gebets sei: „Vielleicht magst du dich aus deiner Sorge heraus bewegen und einen Tanz für Maren versuchen.“, schrieb ich. Das half. Natürlich starb Maren. Aber meine Freundin war nicht mehr hilflos und konnte sie von Ferne begleiten und schließlich Gottes Güte überlassen. Und das Kind meiner Schwester? Sie ist zwölf Jahre alt, liest wie eine Weltmeisterin und streitet sich gerne mit ihrer kleinen Schwester.

Werden Sie Betende
Warum erzähle ich Ihnen diese Geschichten? Weil wir am Anfang eines Neuen Jahres stehen, in dem wir uns viele Sorgen machen können. Sie wissen es selbst, die Sorgen in Ihrem eigenen Alltag und die großen die unser Land, Europa und die Welt bewegen. Aber wir, wir jagen lieber dem Frieden nach. Indem wir als christliche Kleine-Steine-Leute erst mal kräftig beten und uns damit für den Frieden öffnen. Werden Sie Betende für andere: Wir brauchen Menschen, die andere mit guten Gedanken umhüllen, die für sie tanzen, ein Lied singen, ein Bild malen. Summen sie für die Bienen, trinken Sie einen Tee für die Engländer, schicken Sie kühlendes Blau zum fiebernden Kind der Nachbarin. Wir sind von Gott mit Kreativität und einem Herzen gesegnet, setzen Sie beides ein und helfen Sie damit den anderen, denen gerade die Kraft fehlt.

Und hier wechsle ich dann auch vom „Ich“ zum „Wir“ und zurück zu Yoko Ono. Yoko Onos Kunst ist schon immer auf den Frieden ausgerichtet. Es ist ein umfassender Frieden, so wie das hebräische „Schalom“ allumfassend wirkt, politisch, rechtlich, in der Religion, wie im Sozialen. „Shalom“, ein Frieden, der alle Geschöpfe einschließt, schützt und aufleben lässt. Die Künstlerin besingt die Heilung des Planeten, das Verbundensein mit der Natur und allen Lebewesen. Es ist ein gemeinschaftliches Bild. Die Kunst die sie schafft, ist meist auf Beteiligung ausgelegt. In Island steht ihr „IMAGINE PEACE TOWER“ . Der „Stell-dir-den-Frieden-vor-Turm“ ist ein starker Lichtstrahl, der Weisheit, Heilung und Freude in die Welt sendet, mitsamt den Friedenswünschen von Menschen aus aller Welt.

Im Japanischen Garten in Detroit, wo schon seit über 120 Jahren ein japanischer Pavillon als Friedenszeichen und Ort des gegenseitigen Kennenlernens gepflegt wird, hat sie die Skulptur „SKYLANDING“ installiert. Es sind über-menschen-große silberne schlichte Blätter, auf einer Wiese aufgestellt, in denen sich der Himmel spiegelt – und alle, die drumherum laufen. Ein Ort, an dem der Himmel landen kann. Auch hier werden Wünsche von Menschen aus aller Welt gesammelt. Frieden braucht die Beteiligung vieler Menschen, darauf drängt die inzwischen 85-jährige Künstlerin mit Leidenschaft und Nachdruck.

Die 70-jährige feministische Wissenschaftlerin Donna Haraway (s.u.) beschreibt darüber hinaus die Notwendigkeit, die Verbundenheit aller Wesen voranzutreiben. Stellen Sie sich das Bild vor: wir gehen neue Verwandtschaften ein. Weit über die eigene Verwandtschaft hinaus, über die menschliche Perspektive hinaus, eine Verwandtschaft mit allen SpielArten des Lebens. Der Frieden entsteht hier. Mit jedem sich Verbinden.

Wir dürfen uns nicht mehr nur als Individuen wahrnehmen, so wie unsere Gesellschaft es derzeit weiterhin noch auf die Spitze treibt. Wo die Individualität vor der Gemeinschaft steht, wird „Ich zuerst/ Deutsche zuerst/ mein Staat zuerst“ zur friedensgefährdenden Waffe gegen Mensch und Schöpfung. Das „Wir“ vieler „Kleine Steine-Leute“ ist das Gegenmittel. Hier sind meine kleinen Steine, die ich mir vornehme: Ich werde täglich mit kleinen Zeichnungen beten. Ich werde versuchen kleine Himmel-Landeplätze zu kreieren. Und ich versuche, noch weniger Plastik zu verwenden.
Was ist Ihr kleiner Stein, den Sie in den Ozean werfen?

Gründen Sie eine Gebetskette!
In vielen indigenen Traditionen tragen die Großmütter besondere spirituelle Verantwortung. Das würde ich mir auch für die christliche Tradition wünschen, dass unsere Alten, auch – und gerade diejenigen, die nicht mehr vor die Tür kommen, sich da um uns Jüngere kümmern könnten. Ich fände es so entlastend, wenn ich wüsste: Frau Sonntag, Frau Weber und Frau Martin beten für die Kinder in der Gemeinde, so in dem Sinne, wie ich das oben beschrieben habe: ein freud- und farbenvolles Umhüllen. Und ich könnte da anrufen und sagen: Herr Sinn geht´s nicht gut, würden Sie bitte für ihn beten? Ich stelle mir das ziemlich lebhaft so vor: Frau Sonntag nimmt den Anruf entgegen, informiert Frau Weber, die wiederum ruft Frau Martin an.  Sie könnten sich auch zu Gebetszeiten verabreden, kleine Gebetstische in der Wohnung einrichten, wo Zettel drauf landen, die in den Briefkasten geworfen wurden. Man könnte die Zettel sogar ungelesen ins Gebet nehmen. Geht alles.

Wollen Sie das nicht mal in Ihrem Seniorenkreis vorschlagen?

Literaturtipp
Donna J. Haraway, Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän (Campus Verlag)


nach oben

Hinterlassen Sie einen Kommentar

*